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Dr. Friedrich Barner, Berlin

Keine Genehmigung für den Auftritt von Krähen

Am 30. Januar 2007 sollte die „Katze auf dem heißen Blechdach“ von Tennessee Williams unter der Regie von Thomas Ostermeier Premiere haben. Das Bühnenbild zeigte die Front eines Bungalows im Bauhausstill. Der darüber verbleibende Freiraum von erheblichen Ausmaßen wurde zum Zuschauerraum hin von einer durchsichtigen Scheibe begrenzt, die mit der Front des Bungalows abschloss. Hinter dieser Scheibe befanden sich kahle, ziemlich starke Baumäste, auf denen während der wochenlangen Proben zwei Krähen hockten, die nach Auskunft des Bühnenpersonals nie auffällig wurden und nur hin und wieder eine andere Position einnahmen.
Während der Proben, kurz vor dem Premierenabend, verweigerten die Behörden jedoch den Auftritt beider Krähen und beschlagnahmten diese anschließend. Der Stellvertretende Direktor der Schaubühne richtete daraufhin einen „Notruf“ an das Bezirksamt Wilmersdorf, in dem er um Genehmigung des aus Naturschutzgründen gefährdeten Auftritts der beiden Krähen bat.


Das Problem entstand, weil Wildtiere, die nicht in Gefangenschaft geboren wurden, nicht öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen. Die Untere Naturschutzbehörde verwies darauf, dass es für solche Zwecke Vögel gebe, die aus Zuchtbetrieben stammten und die an den Umgang mit Menschen gewöhnt seien.
Die Schaubühne hatte das Krähenpärchen seinerzeit bei einem Spandauer Vogelfreund engagiert, der die Tiere ehemals halbtot gefunden und gesund gepflegt hatte. Papiere für die unter Artenschutz stehenden Krähen konnte er nicht vorweisen. Das bedeutete, dass er die Krähen gemäß den geltenden Natur- und Artenschutzbestimmungen weder privat halten, noch für Zwecke der Zurschaustellung an die Schaubühne verleihen durfte.
Zur Premiere übernahm ein Südamerikanischer Wüstenbussard den Part der Krähen, für den eine Nachzuchtbestätigung gemäß § 22 des Gesetzes über Naturschutz und Landschaftspflege (BNatSchG) existiert. 


Für das Schicksal der Krähen, die wegen ihrer Flug- und Jagdunfähigkeit aller Voraussicht nach in eine Gnadenbrotstation gebracht werden, interessierte sich am Premierenabend sogar der Regierende Bürgermeister von Berlin.
Die ganze Sache hatte noch ein amüsantes Nachspiel, das wir der Bürokratie verdanken, obwohl es mit ihr direkt nichts zu tun hat. Einige Theaterkritiker hatten wohl nicht mitbekommen, dass die Rolle der Krähen von einem Wüstenbussard übernommen worden war, oder sie waren zur Premiere gar nicht erst erschienen. Jedenfalls haben sie in ihren Besprechungen der Aufführung tiefschürfende Analysen der vom Regisseur mit dem Einsatz der Krähen intendierten Symbolik durchgeführt und damit die weit verbreitete Vermutung bestätigt, dass Kritiker mehr in eine Inszenierung hineininterpretieren, als der Regisseur tatsächlich im Sinn hatte.

Stand der Falldarstellung: 2007

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